Werkstoffe verstehen — bevor der Lichtbogen zündet.
Jede Schweißung beginnt mit der Frage: welcher Werkstoff. Welche Werkstoffnummer, welche Werkstoffgruppe nach DIN EN ISO 15608, welche Wärmeleitfähigkeit, welche Schweißbarkeit. Hier finden Sie eine kompakte Einordnung der Werkstoffe, mit denen Sie in unserer Werkstatt arbeiten — und der Industriebereiche, in denen sie eingesetzt werden.
Vier Schritte vom Werkstoff zum Schweißplan
Bevor eine Schweißverbindung entsteht, klärt sich eine Kette: welcher Werkstoff, welche Gruppe, welche Schweißanweisung, welches Verfahren. Wer diese Reihenfolge versteht, liest jede WPS und jede Konstruktionszeichnung mit klarem Blick.
Werkstoff identifizieren
Über die Werkstoffnummer (z. B. 1.0038 für S235JR, 1.4301 für X5CrNi18-10) oder die Kurzbezeichnung nach DIN EN 10027. Diese Nummer steht auf dem Walzschein und in der Zeichnung.
Gruppe zuordnen
Nach DIN EN ISO 15608 fallen alle Werkstoffe in 11 Hauptgruppen — von Gruppe 1 (unlegierte Stähle) bis Gruppe 11 (Stähle mit hohem Kohlenstoffgehalt). Die Gruppe entscheidet, welche Schweißanweisung gilt.
Schweißbarkeit prüfen
Kohlenstoffäquivalent (CEV), Vorwärmbedarf, Streckgrenze, Wärmeleitfähigkeit. Diese Werkstoffeigenschaften bestimmen, ob, wie und mit welchen Vorkehrungen geschweißt werden darf.
Verfahren wählen
Aus der Werkstoffgruppe ergibt sich das typische Verfahren: E-Hand für Baustelle, MAG für Wirtschaftlichkeit, WIG für Edelstahl und Aluminium. Schutzgas folgt aus dem Werkstoff (ISO 14175).
Vier Werkstoffhauptgruppen in unserer Werkstatt
DIN EN ISO 15608 kennt elf Werkstoffgruppen — in der Schweißausbildung und im Großteil der Industriepraxis dominieren vier. Pro Gruppe: typische Werkstoffnummern, geeignete Verfahren und Anwendungsfelder.
Unlegierter Baustahl
S235JR, S355J2 — der „Brot-und-Butter"-Werkstoff im Stahl- und Anlagenbau, in Brücken, Behältern, Schweißkonstruktionen. Gutmütig zu schweißen, breites Verfahrensspektrum, kein Vorwärmen bis ca. 25 mm Wanddicke.
Niedriglegierter Stahl
Feinkornbaustähle (S460N, S690QL), warmfeste Stähle (P265GH, 13CrMo4-5) — Kessel-, Rohrleitungs- und Druckbehälterbau. Anspruchsvoller, mit definiertem Vorwärm- und Wärmeführungsregime.
Nichtrostender Stahl
1.4301 (V2A), 1.4404 (V4A) — Lebensmittel-, Chemie- und Sanitärindustrie. WIG für höchste Qualität (Wurzel, Sichtnähte), MAG mit Aktivgas für Produktivität in dickeren Wandungen.
Aluminium & Legierungen
AlMg, AlSi, AlMgSi — Fahrzeug-, Behälter- und Leichtbau. Hohe Wärmeleitfähigkeit, Oxidschicht auf der Oberfläche: Wechselstrom-WIG mit reinigender Halbwelle ist Standard, MIG für Produktivität.
Wo welche Werkstoffe in der Praxis vorkommen
Welcher Werkstoff in der Werkstatt landet, hängt davon ab, in welcher Industrie geschweißt wird. Sechs typische Anwendungsfelder mit den jeweils dominanten Werkstoffen und Verfahren — so erkennen Sie die Aufgabe, bevor Sie den Brenner einstecken:
Stahl- & Anlagenbau
Hallen, Brücken, Behälter, Tragwerke aus S235JR und S355J2 — überwiegend E-Hand auf der Baustelle, MAG in der Werkstatt. Großflächige Nähte, mehrlagig, oft Position PA und PB.
Druckbehälter & Kessel
Warmfeste Stähle (P265GH, 13CrMo4-5) und Feinkornstähle — sicherheitsrelevante Anwendungen unter Druck und Hitze. Strenge WPS-Vorgaben, Vorwärmen, Wurzel meist in WIG.
Lebensmittel- & Chemieindustrie
1.4301 und 1.4404 — Behälter, Rohrleitungen, Reinigungsanlagen. Sichtnähte glatt, korrosionsbeständig, glatte Wurzel: WIG dominiert, oft mit Schutzgasabsicherung auch wurzelseitig.
Fahrzeug- & Leichtbau
Aluminiumlegierungen (AlMg, AlSi) und höherfeste Stähle — Karosserieteile, Anhänger, Behälter, Rahmen. WIG-AC für dünnwandiges Aluminium, MIG für Produktivität in Serienfertigung.
Maschinen- & Apparatebau
Mischbau aus Stahl, Edelstahl und teilweise Aluminium — Maschinengestelle, Fördertechnik, Apparate. Wechselnde Werkstoffe und Verfahren in einem Bauteil, hohe Anforderung an Verfahrenswechsel.
Rohrleitungs- & Sanitärbau
Stahl- und Edelstahlrohre für Heizung, Trinkwasser, Industriemedien — typisches Positionschweißen PA bis PF, Wurzel oft WIG, Decklagen MAG/E-Hand. Nahtqualität entscheidet über Dichtigkeit.
Was wir zu Werkstoffen lehren — und was außerhalb liegt
Werkstoffkunde ist ein eigenes Studienfach. Wir lehren das, was zum sicheren Schweißen nötig ist — nicht den ganzen Stahlbau-Studiengang. Hier die ehrliche Eingrenzung.
Das vermitteln wir
- Werkstoffidentifikation: Werkstoffnummer und Kurzbezeichnung nach DIN EN 10027 lesen — vom Walzschein bis zur Konstruktionszeichnung.
- Gruppenzuordnung nach ISO 15608: Die vier Hauptgruppen in der Praxis verstehen — und welche Verfahren und Vorwärmtemperaturen daraus folgen.
- Schutzgas-Auswahl: Welches Gas zu welchem Werkstoff nach DIN EN ISO 14175 — Aktivgas für Stahl (MAG), Inertgas für Edelstahl und Aluminium (WIG, MIG).
- Zusatzwerkstoff-Wahl: Welche Elektrode oder Drahtelektrode zum Grundwerkstoff passt — und warum eine 1.4316-Elektrode auf 1.4404 funktioniert, aber umgekehrt nicht.
- Wärmeführung: Vorwärmen, Zwischenlagentemperatur und Nachwärmen — bei welchen Werkstoffen und Wanddicken zwingend nötig.
Das ist nicht Teil unserer Ausbildung
- Keine vollständige Werkstoffkunde: Wir vermitteln, was zum Schweißen reicht. Tiefere Metallurgie (Gefüge, ZTU-Diagramme, Wärmebehandlung im Detail) bleibt Sache der Werkstofftechnik-Ausbildung.
- Keine Werkstoffprüfung: Zerstörende Prüfung (Zug, Biege, Kerbschlag) und detaillierte zerstörungsfreie Prüfung sind eigenständige Spezialisierungen — bei uns nur Grundverständnis.
- Keine Stahlbau-Statik: Tragwerksberechnung, Eurocode 3, Querschnittsklassen — Aufgabe von Statiker und Konstrukteur, nicht der Schweißausbildung.
- Keine Spezialwerkstoffe als Schwerpunkt: Duplex-Stähle, Nickelbasislegierungen, Titan und ähnliche bleiben in unseren Modulen Randthema — diese gehen erst in der Industriepraxis tiefer.
- Keine Materialbeschaffung: Wir lehren den Umgang mit Werkstoffen, nicht das Bestellwesen, die Logistik oder Verfügbarkeitseinschätzung am Markt.
Sie wollen wissen, ob unsere Werkstoffmodule zu Ihrer geplanten Tätigkeit passen? In einem kostenfreien Beratungsgespräch klären wir den Schwerpunkt mit Ihnen — vertraulich und ohne Verpflichtung.
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