DIN EN ISO 14175 · MAG · WIG · MIG
Technische Grundlagen · Schutzgase

Schutzgas verstehen — das Schmelzbad vor der Atmosphäre schützen.

Beim Schmelzschweißen reagiert flüssiges Metall mit Sauerstoff, Stickstoff und Wasserstoff aus der Umgebungsluft — mit Folgen wie Poren, Oxidation und Rissen. Das Schutzgas verdrängt diese Atmosphäre und stabilisiert den Lichtbogen. Welches Gas passt, regelt DIN EN ISO 14175 — strukturiert in vier Hauptgruppen.

Norm DIN EN ISO 14175
Hauptgruppen I · M · C · R
Verfahren MAG · WIG · MIG
Reinheit ≥ 99,99 % typ.
Klassifikation

Vier Schritte zur richtigen Gas-Wahl

Welches Schutzgas an die Düse kommt, ist keine Geschmacks­frage — es ergibt sich aus Werkstoff, Verfahren, Naht­anforderung und Bauteil­geometrie. Eine klare Reihenfolge führt zur richtigen Auswahl:

1

Werkstoff bestimmen

Unlegierter Stahl, Feinkornstahl, Edelstahl, Aluminium — jeder Werkstoff hat sein metallurgisches Verhalten unter Schutzgas. Aktivgas eignet sich für unlegierten Stahl, Inertgas für Aluminium und teils für Edelstahl.

Grundwerkstoff · ISO 15608
2

Verfahren festlegen

MAG fordert Aktivgas (Gruppe M oder C), WIG arbeitet mit Inertgas (Gruppe I), MIG ebenfalls. Plasma- und Sonder­verfahren haben eigene Vorgaben — das Verfahren engt das Feld der Gas-Gruppen ein.

ISO 4063 · 111/135/141
3

Mischung wählen

Innerhalb der Gruppe entscheidet das Mischungs­verhältnis: M21 (Ar + 15–25 % CO₂) für Stahl, M12 (Ar + O₂) für Edelstahl, I3 (Ar + He) für dickes Aluminium. Die Untergruppen sind in ISO 14175 tabelliert.

Untergruppen I1/M12/M21/C1
4

Parameter einstellen

Volumen­strom (in l/min) auf Düsen­durchmesser und Zugluft abstimmen — Faustregel MAG ca. 10–18 l/min, WIG 6–12 l/min. Zu wenig: Poren. Zu viel: Verwirbelung und Lufteinzug. Düsen sauber halten.

Volumenstrom · Düse
Hauptgruppen

Die vier Hauptgruppen nach ISO 14175

DIN EN ISO 14175 ordnet Schutzgase in vier Hauptgruppen: I (inert), M (mischen, oxidierend), C (kohlendioxid­dominant), R (reduzierend). Pro Gruppe: typische Mischung, geeignete Verfahren und Werkstoffe.

I

Inertgase

Reines Argon (I1) oder Argon-Helium-Mischungen (I3) — chemisch träge, reagieren nicht mit dem Schmelzbad. Standard für WIG und MIG. Argon ergibt einen ruhigen, fokussierten Lichtbogen; Helium-Anteil erhöht Energieeintrag und Schweiß­geschwindigkeit.

I1 · Ar I3 · Ar+He WIG · MIG
M

Mischgase

Argon mit Beimischungen von CO₂ oder O₂ — M21 (Ar + 15–25 % CO₂) ist der Klassiker für MAG an Baustahl, M12 (Ar + bis 3 % O₂) für höher­legierte Stähle und Edelstahl. Ruhiger Lichtbogen, weniger Spritzer als reines CO₂.

M12 · Ar+O₂ M21 · Ar+CO₂ MAG
C

CO₂-Aktivgas

Reines CO₂ (C1) — wirtschaftlich, hoher Einbrand, gute Spalt­überbrückung an unlegiertem Stahl. Nachteile: mehr Spritzer und unruhigerer Lichtbogen als bei Mischgasen. In der Industrie zunehmend durch M21 ersetzt.

C1 · CO₂ MAG unl. Stahl
R

Reduzierende Gase

Argon mit Wasserstoff­anteil (R1) — reduziert Oxide am Edelstahl. Vor allem als Wurzel­schutzgas (Formiergas) zum Schutz der Naht­wurzel von innen — z. B. in Rohrleitungen aus Edelstahl. Achtung: nicht für alle Werkstoffe geeignet.

R1 · Ar+H₂ Formiergas Edelstahl
Anwendungen

Welches Gas in welcher Aufgabe

In der Werkstattpraxis ergibt sich die Gas-Wahl aus der konkreten Aufgabe: Werkstoff, Bauteil­dicke, Naht­position und Qualitäts­anforderung. Sechs typische Konstellationen und das Gas, das dort dominiert:

Stahlbau · MAG · M21

Trag­konstruktionen, Brücken, Behälter aus S235JR / S355J2 — Standard­gas M21 (Ar + 15–25 % CO₂). Ruhiger Lichtbogen, gute Spalt­überbrückung, mehrlagige Nähte in PA und PB. Klassische Werkstatt- und Baustellen­anwendung.

Edelstahl · WIG · I1

Lebensmittel-, Chemie- und Sanitär­industrie: 1.4301, 1.4404. Reines Argon (I1) gibt einen stabilen Lichtbogen für saubere, korrosions­beständige Nähte. Wurzelseite oft zusätzlich mit Formiergas (R1) abgesichert.

Aluminium · WIG-AC · I1 / I3

Fahrzeug-, Behälter- und Leicht­bau. Reines Argon für dünne Quer­schnitte, Argon-Helium-Mischung (I3) für dicke Aluminium­bauteile — höherer Energie­eintrag, bessere Schweiß­geschwindigkeit, weniger Vorwärm­bedarf.

Wurzelschutz · Formiergas · R1

Bei Rohrleitungs- und Behälter­bau aus Edelstahl: die Wurzelseite (innen) wird mit Formiergas (Ar + 2–10 % H₂ oder reines N₂) geflutet — gegen Oxidations­anlauffarben („Hitze­tönung") und für korrosions­beständige Innen­nähte.

Dünnblech · MAG · M12

Karosserie­bau, dünn­wandige Behälter, Bleche unter 3 mm — M12 (Ar + bis 3 % O₂) hält den Lichtbogen ruhig, reduziert Durch­brand bei niedriger Stromstärke und ergibt eine flach gewölbte, gut nachzu­arbeitende Naht.

Robotik · MAG · M21 / C1

Automatisiertes Schweißen in der Serien­fertigung: M21 für Stahl bei konstanter Naht­geometrie, C1 (CO₂) bei dickeren Mehrlagen­schweißungen mit gefordertem hohem Einbrand. Wichtig: stabiler Volumen­strom und sauberer Düsen­zustand.

Klarheit

Was wir zu Schutzgasen lehren — und was außerhalb liegt

Schutzgas-Technik ist ein ingenieur­technisches Spezialgebiet mit eigenen Mess- und Anlagen­themen. Wir lehren das, was Schweißer im Alltag brauchen — nicht den ganzen Gas­anlagen­bau.

+ Das vermitteln wir

  • Gas-Werkstoff-Verfahren-Matching: Welche Hauptgruppe und Untergruppe nach ISO 14175 zu welchem Werkstoff und Verfahren passt — von M21 für Stahl bis I3 für dickes Aluminium.
  • Volumen­strom einstellen: Faustregeln und Anwendung am Schweißgerät — MAG ca. 10–18 l/min, WIG 6–12 l/min. Anpassung an Düsen­durchmesser, Zugluft und Außen­einsatz.
  • Wurzelschutz mit Formiergas: Wann nötig, wie aufgebaut — Hülsen, Stopfen, Spül­zeiten. Vermeidung von Anlauf­farben an Edelstahl-Innen­nähten.
  • Düsen und Brenner­pflege: Spritzer­schutz, Reinigung, Düsen­austausch — eine verstopfte Gasdüse ist die häufigste Ursache für Poren­bildung, lange bevor das Gas falsch wäre.
  • Sicherer Umgang mit Flaschen: Transport, Stand­sicherung, Druck­minderer-Bedienung, Erkennen von Leck­geräuschen — die Grund­lagen für sicheres Arbeiten in der Werkstatt.

Das ist nicht Teil unserer Ausbildung

  • Kein Gas-Anlagen­bau: Auslegung und Installation zentraler Gas­versorgungs­anlagen, Ring­leitungen, Bündel­schaltungen — Aufgabe von Anlagen­technikern, nicht der Schweißausbildung.
  • Keine Reinheits-Messtechnik: Bestimmung von Restfeuchte oder Sauerstoff­gehalt im Gas mit Mess­geräten — relevant in der Halbleiter- und Luftfahrt­industrie, nicht im allgemeinen Schweißkurs.
  • Keine Spezial­gase: Helium-pur, Stickstoff-Mischungen für Spezial­anwendungen oder reaktive Gase im Sonder­einsatz bleiben in unseren Modulen Randthema.
  • Keine BG-Beschaffung & Logistik: Bestell­wesen, Pfand­verwaltung, Lieferanten­vergleich — das sind betriebs­wirtschaftliche Themen, nicht hand­werkliche.
  • Keine vollständige Sicherheits­verordnung: Vollständige BetrSichV-Schulung, Druck­geräte-Vorschriften und Lager­raum-Auflagen — Sache von Sicherheits­fachkräften, nicht der Schweiß­ausbildung im Detail.

Sie wollen wissen, welche Gas-Kombinationen wir in unserer Werkstatt einsetzen und welche Sie in Ihrem späteren Betrieb erwarten? In einem kostenfreien Beratungs­gespräch klären wir den Schwerpunkt mit Ihnen — vertraulich und ohne Verpflichtung.

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